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Kämpferinnen für Frauenrechte gestern und heute

Kämpferinnen für Frauenrechte gestern und heute

Antia Augspurg und Zaina Erhaim im Portrait

Als vor hundert Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, geschah das nicht aus Einsicht der gesetzgebenden Männer im deutschen Reichstag. Vorausgegangen waren jahrelange zähe und erbitterte Kämpfe von Frauenrechtlerinnen in ganz Europa und die Revolution in Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges. Eine der führenden Vorkämpferinnen für das heute Selbstverständliche war Antia Augspurg. Die von ihr mitbegründete Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit hat 2017 zusammen mit ihrer Geburtsstadt Verden den Anita-Augspurg-Preis an die syrische Journalistin und Dokumentarfilmerin Zaina Erhaim verliehen. Vor diesem Hintergrund stehen diese beiden Frauen im Zentrum dieses Beitrags.

von Barbara Lochbihler

Nicht nur in Anita Augspurgs Biografie war der Kampf für gleiche Rechte eng verknüpft mit dem Kampf gegen Militarismus und Krieg. Für das Frühjahr 1915 war ursprünglich der Kongress des Weltbundes für Frauenstimmrecht geplant. Stattdessen fand wegen des Kriegsanfangs ein erster Internationaler Frauenfriedenskongress statt. Es trafen sich über 1.000 Frauen aus zwölf kriegsführenden und neutralen Ländern und forderten die Beendigung des Krieges und Friedensverhandlungen. Daraus entstand wenig später die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), deren deutscher Zweig maßgeblich von Anita Augspurg und ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann aufgebaut wurde.

Im September 2017 verliehen die IFFF und die Stadtverwaltung von Augspurgs Geburtsstadt Verden den Anita-Augspurg-Preis „Rebellinnen-gegen-den Krieg“ an die syrische Journalistin und Dokumentarfilmerin Zaina Erhaim. Erhaim arbeitet für das Institute for War and Peace Reporting und hat mehr als 100 syrischen Bürgerjournalistinnen und -journalisten ausgebildet. In einer Kurzfilmreihe „Syria's Rebellious Women“ hat sie die Schwierigkeiten dokumentiert, mit denen Frauen in Rebellengebieten konfrontiert sind. Ihr Film „Syria Diaries“ zeigt den Krieg aus der Perspektive von Frauen.

Beide – die Ausgezeichnete, wie die, in deren Namen ausgezeichnet wurde, verbindet nicht nur ihr Engagement, sondern die Bereitschaft zu unkonventionellem Handeln, das gegen die Rollenerwartungen ihrer Gesellschaft verstößt. Gerade in der Erwachsenenbildung brauchen wir solche Vorbilder, denn Frauen, die sich für eine Sache politisch einsetzen, hatten und haben gegen enorme Widerstände zu kämpfen. Das durchzuhalten erfordert den Mut zum Rollenverstoß, der für Frauen oft schon darin besteht, einem politischen Ziel die Priorität in ihrem Leben einzuräumen.

Anita Augspurg war eine unabhängige Frau, die sich nicht in das Korsett gesellschaftlicher Konventionen des 19. Jahrhunderts zwängen ließ. Dies zeigte sich bereits bei ihrer Berufswahl: Sie wurde zunächst Schauspielerin und eröffnete später ein Fotoatelier in München. Die massiven Einschränkungen, mit denen sich Frauen damals hinsichtlich Bildungs- und Berufsmöglichkeiten konfrontiert sahen, bremsten sie nicht, sondern politisierten sie. So begann sie sich zunehmend für die Rechte der Frauen einzusetzen. Aufgrund ihres Engagements in der Frauenbewegung entschied sich Anita Augspurg schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ein Jurastudium aufzunehmen. Da Frauen damals in Deutschland kein vollwertiges Studium absolvieren durften, zog sie nach Zürich. Dort wurde sie zusammen mit Rosa Luxemburg eine der Mitbegründerinnen des Internationalen Studentenvereins. Als promovierte Juristin ging Augspurg nach Berlin, als in Deutschland eine Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches anstand. Sie engagierte sich für eine Reform des Ehe- und Familienrechts sowie für die Einführung des Frauenwahlrechts. Ihr oben beschriebenes friedenspolitisches Engagement führte sie über das Ende des Ersten Weltkrieges fort. Bereits 1923 haben Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann versucht, sich den Aggressionen der Nationalsozialisten entgegenzustellen. Sie wurden beim bayrischen Innenminister vorstellig und forderten (erfolglos) die Ausweisung des Österreichers Adolf Hitler wegen Volksverhetzung. Als die Nationalsozialisten dann 10 Jahre später in Deutschland an die Macht kamen, musste beide Frauen das Land verlassen und gingen ins Exil in die Schweiz. Ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt und all ihre Aufzeichnungen gingen verloren. Geblieben sind die Veröffentlichungen von Anita Augspurg und ihre Biografie als Vermächtnis an nachfolgende Frauengenerationen: die Bereitschaft, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen; das Bewusstsein, dass Frauen zentrale Akteure gegen Repression, Gewalt und Krieg sind sowie Mut und Unabhängigkeit im politischen Handeln.

In Zaina Erhaims Lebensentwurf gibt es viele Parallelen zum Leben von Anita Augspurg. Sie ist als engagierte syrische Journalistin nicht nur selbst eine „Rebellin gegen den Krieg“, sondern hat mit ihrer Arbeit zahlreichen anderen „Rebellinnen“ in Syrien zu einer Stimme verholfen.1 Geboren in der Provinz Idlib, im Norden Syriens, ging sie nach ihrem Schulabschluss nach Damaskus, wo sie 2007 ihr Journalismus-Studium abschloss. Ihrer Berufswahl wurde von den Konservativen in Idlib mit Argwohn begegnet. Als Teenager wurden ihr immer wieder Vorhaltungen gemacht, weil sie „gegen den Strom schwamm“ und sich weigerte ein Kopftuch zu tragen. Den Beginn der Aufstände im sogenannten Arabischen Frühling 2011 verfolgte Zaina Erhaim von London aus, wo sie u. a. für den arabischen Service der BBC arbeitete.

Im Jahr 2013 entschied sie sich, mitten im Bürgerkrieg nach Syrien zurückzukehren, in die umkämpfte Stadt Aleppo. Von dort berichtete sie regelmäßig für internationale Medien wie The Economist, The Guardian, Newsweek und al-Hayat.

Durch ihre Rückkehr nach Syrien war es Erhaim möglich, ihr journalistisches Wissen auch an andere weiterzugeben. Als Syrien-Koordinatorin des „Institute for War and Peace Reporting“ bildete sie mehr als 100 sogenannte Bürgerreporter (citizen reporters) aus. Davon waren ein Drittel Frauen, viele ohne Zugang zu höherer Schulbildung und formaler Ausbildung. Sie wurden von Erhaim befähigt, als Medienaktivistinnen aus ihrem Alltag zu berichten.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat dokumentiert, dass in den vergangenen Jahren weltweit die meisten Journalisten im Syrienkonflikt ums Leben gekommen sind. So starben seit Beginn des Bürgerkrieges vor mehr als sechs Jahren über 650 Medienarbeiter. Mit der Ankunft des Islamischen Staates in Aleppo gegen Ende 2013 verschärfte sich die Bedrohung für Journalistinnen und Journalisten massiv. Es kam zu Entführungen und zahlreiche Medienarbeiter mussten fliehen. Zaina Erhaim konnte ihre journalistischen Fortbildungsprogramme nur unter größten Sicherheitsmaßnahmen fortführen. Im März 2015 wurde in Kafranbel in der Provinz Idlib, wo sie unterrichtete, das (?) Mazaya Einkaufscenter von bewaffneten Männern überfallen und angezündet – und trotzdem ging das Training am nächsten Tag weiter.

Zaina Erhaim hat bereits bedeutende Preise für ihre journalistische Arbeit bekommen: 2015 erhielt sie den Peter-Mackler-Preis. Dieser Preis wird in Zusammenarbeit mit Reporter ohne Grenzen und Agence France Press für mutigen und ethischen Journalismus verliehen. Im folgenden Jahr erhielt sie den Journalistenpreis von „Index on Censorship“. Obwohl Zaina Erhaim oft als Kriegsreporterin wahrgenommen wird, sieht sie sich selbst nicht als eine solche. Zur Erklärung sagt sie: „Ich würde nicht über einen Krieg berichten, wenn es nicht dieser Krieg im meiner Heimat wäre.“2 Ihr Antrieb ist nicht die Sensation, sondern der politische Kampf gegen diesen Krieg. Immer wieder bedauerte sie, dass die Berichterstattung über den Syrienkrieg in den westlichen Medien Massaker und Gräueltaten in den Mittelpunkt stellt und lenkte mit ihrer Arbeit den Blick auf die Menschen, insbesondere die Frauen, die im Bürgerkrieg überleben müssen. „Frauen kämpfen hier gleichzeitig an mehreren Fronten“, schrieb sie, „gegen den Tod, gegen das Regime mit seinen Fassbomben und seinen Raketen, gegen neue Diktatoren und vor allem (…) gegen die patriarchalische verschlossene Gesellschaft (…).“3 In ihrer Filmdokumentation „Syriens Rebellinnen“ würdigte sie das Engagement syrischer Frauenaktivistinnen im Bürgerkrieg in Interviews mit Frauen, die als Freiwillige medizinische Versorgung sicherstellen, Lebensmittel organisieren oder als Journalistin arbeiten.

Anita Augspurg und Zaina Erhaim verbindet das, was Augspurgs Vermächtnis ausmacht: die Bereitschaft, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen, das Bewusstsein, dass Frauen zentrale Akteure gegen Repression, Gewalt und Krieg sind, sowie Mut und Unabhängigkeit im politischen Handeln.

Es gibt heute zahlreiche Angebote für Frauen zur Planung von Karriere und Work-Life-Balance. Frauen, die ein politisches Ziel erreichen wollen, brauchen aber auch andere, unkonventionelle Vorbilder und Mentorinnen, die sie darin bestärken, den Mainstream zu verlassen und aus Überzeugung ungewöhnliche Themen anzupacken und voranzutreiben. Politisches Engagement fordert Zeit und Passion, die das Konzept der Work-Life-Balance sprengen. Das beginnt bereits mit der Artikulation in den Sozialen Medien. Dafür braucht man Zeit und muss gut informiert sein. Angesichts der immer noch ungleich verteilten Familienarbeit fällt es vielen Frauem schwer, der politischen Einmischung Priorität einzuräumen.

1 iwpr.net/global-voices/syrias-rebellious-women, Zugriff: 02.09.2018

2 www.pmaward.org/zaina-erhaim-receives-peter-mackler-award-in-press-club-ceremony, Zugriff: 02.09.2018

3 zaina-erhaim.com/the-dependent-hurma-wins-over-zaina-the-journalist, Zugriff: 02.09.2018

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