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Gleich nebenan: In Memoriam

Mit Wilhelm Weinbrenner von der Aktionsgruppe in Obergünzburg, (c) Foto Gerd Ullinger

Als Schirmfrau der Ausstellung "Gleich nebenan: In Memoriam" über das schreckliche Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten war ich am 4. Mai zu Gast in Obergünzburg. Eine breites Aktionsbündnis hatte die Ausstellung von Prof. Michael von Cranach, der von 1980 bis 2006 Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren/Irsee gewesen war, ins Allgäu gebracht. Deutschlandweit fielen 250 000 Menschen dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Über 2000 wurden aus der damaligen Kreis-, Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee in die Tötungsanstalten geschickt oder direkt vor Ort ermordet.

Unsere Diskussion fokussierte sich eingangs auf die Bedeutung der Erinnerungskultur bei schwersten Menschenrechtsverletzungen. Für Opfer und deren Familien nimmt die Anerkennung des Unrechts in der Tat eine zentrale Rolle in der Aufarbeitung ihres Traumas ein. Das Erinnern an die begangenen Verbrechen hat darüber hinaus  gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Da es heute kaum noch Zeitzeugen gibt, die persönlich von ihrer Geschichte berichten können, wird es schwieriger werden, die Erinnerung lebendig zu halten und das Wissen um den systematischen Massenmord an die Jüngeren weiterzugeben. Umso wichtiger erscheint die Ausstellungsinitiative!

Im Anschluss diskutierten wir über die Frage, wie unsere Gesellschaft heute mit geistig behinderten und psychisch erkrankten Menschen umgeht, und wie es um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention steht. Viele der Anwesenden konnten hier aus ihren eigenen Erfahrungen berichten. Gleichzeitig ging es um die Frage, wie gute Inklusion gelingen kann, beispielweise durch die Schaffung von Behindertenwerkstätten und ausreichend Betreuerinnenstellen.

Und auch ein konkretes Ergebnis gibt es zu vermelden. Seit vielen Jahren gedenkt der Bundestag am Holocaustgedenktag der verschiedenen Opfergruppen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die Morde an kranken und behinderten Menschen sind bislang jedoch noch nicht explizit Thema dieser Gedenkstunde gewesen. Prof. von Cranach und ich werden deshalb an den Bundestag herantreten und hier einen Vorschlag machen. Erste Signale aus dem Büro der BT-Vizepräsidentin Claudia Roth lassen hoffen.

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